Wer hat uns eigentlich erzählt, dass wir nicht genügen?
In den letzten Jahren ist mir etwas aufgefallen. Kaum öffne ich Social Media, begegnet mir irgendein Versprechen. Wie ich gelassener werde. Erfolgreicher. Resilienter. Produktiver. Wie ich meine Glaubenssätze auflöse, mein Nervensystem reguliere oder endlich die beste Version meiner selbst werde.
Versteh mich nicht falsch. Ich finde vieles davon spannend und manches hat mich auf meinem eigenen Weg durchaus begleitet. Trotzdem ertappe ich mich immer häufiger bei einer anderen Frage.
Wer hat uns eigentlich erzählt, dass wir ständig jemand anderes werden müssen?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass diese Geschichte viel älter ist als Social Media. Sie beginnt oft schon in unserer Kindheit.
Wir wachsen mit Vorstellungen darüber auf, wie man sein sollte. Wir lernen früh, dass es Dinge gibt, die erwünscht sind, und andere, die besser nicht gezeigt werden. Wir sollen mutig sein, aber nicht zu laut. Anpassungsfähig, aber trotzdem selbstbewusst. Erfolgreich, aber bitte nicht arrogant. Es gibt ein richtig und ein falsch, ein Hin zu und ein Weg von.
Das alles geschieht meist mit den besten Absichten. Und doch entsteht dabei manchmal ein leiser Gedanke, den wir gar nicht bewusst wahrnehmen:
So wie ich bin, reicht es offenbar noch nicht ganz.
Mit den Jahren wird daraus fast unbemerkt eine Haltung. Wir beginnen, unser Leben wie ein Projekt zu betrachten. Es gibt immer noch etwas zu lernen, etwas zu verbessern oder etwas an uns zu verändern. Und wenn sich das Leben einmal schwer anfühlt, suchen wir die Ursache oft zuerst bei uns selbst.
Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht.
Ich frage mich allerdings, ob wir dabei zwei Dinge miteinander verwechseln. Natürlich macht das Leben etwas mit uns. Erfahrungen hinterlassen Spuren. Manche davon schmerzen lange. Manche führen dazu, dass wir vorsichtiger werden oder Strategien entwickeln, die uns einmal geholfen haben.
Aber bedeutet das wirklich, dass mit uns etwas nicht stimmt? Oder bedeutet es lediglich, dass wir Menschen sind?
Mich erinnert das manchmal an unseren Umgang mit Dingen. Wenn das Fahrrad kaputt ist, bringen wir es zur Reparatur. Wenn der Computer nicht funktioniert, suchen wir nach dem Fehler. Wenn das Auto streikt, muss die Werkstatt ran. Für Maschinen ist das eine sinnvolle Logik.
Doch irgendwann haben wir begonnen, dieselbe Logik auf uns selbst anzuwenden:
Bin ich traurig, scheint etwas nicht zu stimmen.
Bin ich erschöpft, muss ich wohl noch etwas an mir arbeiten.
Bin ich unsicher, brauche ich vermutlich noch eine Methode oder die nächste Erkenntnis.
Je länger ich Menschen begleite, desto seltener interessiert mich allerdings die Frage, was an ihnen verändert werden müsste. Mich interessiert vielmehr, welche Geschichte sie gerade über sich selbst glauben.
Denn genau dort entdecke ich immer wieder Missverständnisse.
Nicht Tatsachen – Missverständnisse! Sätze wie: „Ich bin nicht belastbar.“ „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Ich bin einfach so.“
Wenn wir solche Gedanken oft genug denken, fühlen sie sich irgendwann wie Wahrheiten an. Dabei sind sie zunächst einmal nur Gedanken – entstanden aus Erfahrungen, geprägt durch unser Umfeld und immer wieder bestätigt durch das, was wir um uns herum sehen.
Vielleicht erklärt das auch, warum die Versprechen der Selbstoptimierung so verlockend sind. Sie knüpfen an einen Gedanken an, den viele von uns längst in sich tragen: Dass wir noch nicht ganz angekommen sind.
Was aber, wenn dieser Gedanke selbst das eigentliche Missverständnis ist? Was wäre, wenn es gar nichts zu reparieren gibt?
Nicht, weil wir keine Schwierigkeiten erleben oder niemals leiden. Sondern weil unser Wert nicht davon abhängt, wie gelassen, erfolgreich oder reflektiert wir gerade sind.
Ich glaube, dass in jedem Menschen Vertrauen, Klarheit, Intuition und Weisheit angelegt sind. Nicht als Fähigkeiten, die erst erworben werden müssen, sondern als etwas, das immer da ist – auch wenn es manchmal von Sorgen, Bewertungen oder alten Geschichten überdeckt wird.
Deshalb hat sich meine Arbeit in den letzten Jahren verändert. Früher dachte ich, ich müsste Menschen vor allem neue Werkzeuge an die Hand geben. Heute wünsche ich mir vielmehr, Räume zu schaffen, in denen sie entdecken können, was längst in ihnen vorhanden ist. Nicht, weil ich ihnen etwas gebe. Sondern weil plötzlich etwas sichtbar wird, das die ganze Zeit da war.
Veränderung genau dort – nicht in dem Moment, in dem wir noch mehr an uns arbeiten. Sondern in dem Augenblick, in dem wir zum ersten Mal ernsthaft in Betracht ziehen, dass mit uns nie etwas Wesentliches gefehlt hat.
Bleib neugierig.
Christa
