Eine Geschichte über Mia – und darüber, was Beziehungen in uns bewegen
Vor ein paar Tagen hat sich Mia an der Pfote verletzt. Nichts Dramatisches – zumindest war äußerlich nichts zu erkennen. Sie humpelte, leckte sich immer wieder die Pfote, hechelte stark und wirkte sehr unruhig.
Natürlich begann sofort mein Kopf zu arbeiten. Hat sie sich etwas eingetreten? Soll ich die Pfote kühlen? Ins Wasser halten? Müssen wir doch zum Tierarzt? Ich probierte einiges aus, denn tief in mir hatte ich das Gefühl, dass es nichts Ernstes war. Mia machte alles geduldig mit, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ihr das wirklich Erleichterung verschaffte.
Was mich stattdessen viel mehr berührte, war etwas ganz anderes. Sie suchte die ganze Zeit meine Nähe. Nicht, weil ich ihre Schmerzen wegnehmen konnte. Nicht, weil ich sofort die richtige Lösung hatte. Sie wollte einfach bei mir sein.
Irgendwann habe ich aufgehört, etwas tun zu wollen.
Ich setzte mich einfach zu ihr. Sie lag neben mir und hechelte bestimmt zwanzig Minuten lang sehr stark. Ich saß einfach da. Langsam wurde ihre Atmung ruhiger. Irgendwann entspannte sich ihr Körper und sie schlief erschöpft ein.
Etwa eine Stunde später stand sie wieder auf, lief – immer noch leicht humpelnd – zum Gartenzaun, um die Nachbarin kurz anzubellen, und kam genauso humpelnd wieder zurück. Ganz Mia eben. Ich musste lachen und gleichzeitig tauchte ein Gedanke auf.
In den letzten Jahren habe ich viele Ausbildungen gemacht, Bücher gelesen und unzählige Gespräche geführt. Ich bin den Drei Prinzipien begegnet, habe mich intensiv mit traumasensiblem Begleiten beschäftigt und durfte viele Menschen und Mensch-Hund-Teams ein Stück ihres Weges begleiten. Lange Zeit dachte ich, all diese Erfahrungen würden mich immer wieder zu neuen Erkenntnissen führen. Heute empfinde ich das anders.
Ich habe gar nicht so sehr Neues gelernt. Vielmehr habe ich begonnen, Zusammenhänge zu erkennen, die schon die ganze Zeit da waren. Je genauer ich hinschaue, desto deutlicher wird für mich, dass all diese unterschiedlichen Wege auf denselben Kern hinweisen.
Früher glaubte ich, helfen bedeute vor allem, möglichst schnell eine gute Lösung zu finden. Heute interessiert mich viel mehr die Frage, was geschieht, wenn wir den Wunsch, sofort etwas verändern zu müssen, einen Moment zur Seite legen. Bei Mia konnte ich ihren Schmerz nicht wegnehmen. Ich konnte ihn auch nicht beschleunigen. Aber ich konnte bei ihr bleiben und ihr einen Raum bieten. Mehr war in diesem Augenblick nicht zu tun und genau das schien zu genügen.
Dieser Moment hat mich daran erinnert, dass Beziehung oft mehr verändert als Lösungen.
Diese Erfahrung gilt nicht nur für Hunde. Ich glaube, sie gilt genauso für uns Menschen. Immer wieder begegnen mir Menschen, die überzeugt sind, mit ihnen stimme etwas nicht. Sie suchen nach der richtigen Methode, der nächsten Erkenntnis oder einer Erklärung, die endlich alles leichter macht. Dabei berührt mich inzwischen etwas ganz anderes.
Mich interessiert heute weniger, wie Menschen sich verändern können. Mich interessiert vielmehr, was trotz aller Erfahrungen, Bewertungen und Geschichten unberührt geblieben ist. Denn ich erlebe immer wieder, dass Vertrauen, Klarheit, Intuition oder Resilienz nicht erschaffen werden müssen. Sie sind oft schon da. Manchmal treten sie nur so sehr in den Hintergrund, dass wir vergessen haben, ihnen zu vertrauen.
Deshalb verstehe ich meine Arbeit heute auch anders als noch vor einigen Jahren. Ich sehe mich nicht als jemanden, der Lösungen liefert oder Menschen repariert. Ich wünsche mir vielmehr, Räume zu schaffen, in denen sie sich selbst wieder begegnen können – ohne Druck, ohne Bewertung und ohne den Anspruch, jemand anderes werden zu müssen.
Die kostbarsten Augenblicke entstehen nicht, wenn eine Methode perfekt funktioniert.
Sie entstehen, wenn ein Mensch innehält und plötzlich sagt: „Ich muss gar nicht mehr so gegen mich kämpfen.“
Oder: „Jetzt verstehe ich, warum sich das immer so schwer angefühlt hat.“
Oder einfach: „Es wird gerade leichter.“
Genau deshalb fühlt sich für mich die Begleitung von Menschen und die Arbeit mit Mensch-Hund-Teams heute nicht mehr wie zwei unterschiedliche Bereiche an, denn Beziehungen machen sichtbar, was in uns wirkt. Sie zeigen uns nicht, wer wir sein sollten. Sie laden uns ein zu erkennen, was längst da ist.
Mia hat an diesem Tag nichts von mir erwartet. Keine perfekte Lösung, keine schnelle Antwort. Sie brauchte einfach jemanden, der bei ihr blieb.
Ich glaube, wir Menschen sehnen uns oft nach genau dieser Erfahrung. Nicht nach einem Menschen, der uns verändert, sondern nach einem, der uns zutraut, dass das Wesentliche längst in uns angelegt ist.
Bleib neugierig
Christa
