Manchmal findet uns die Klarheit

Es gibt diese Momente

Es gibt Entscheidungen, über die denkt man jahrelang nach. Man bewegt sie immer wieder im Kopf, sammelt Argumente dafür und dagegen, rechnet Möglichkeiten durch und wartet darauf, dass irgendwann der Moment kommt, an dem endlich alles klar ist.

So ging es mir mit dem Jakobsweg.

Die Idee begleitete mich fast zwei Jahre. Immer wieder tauchte sie auf, verschwand wieder und meldete sich irgendwann erneut. Als Selbstständige sechs Wochen aus dem Alltag auszusteigen, schien alles andere als vernünftig. Es gab genügend gute Gründe, diese Idee noch ein wenig aufzuschieben. Schließlich musste das Geschäft weiterlaufen, Rechnungen wollten bezahlt werden und überhaupt schien der Zeitpunkt nie wirklich passend. Die Entscheidung fiel schließlich weder am Schreibtisch noch während einer besonders gründlichen Pro-und-Contra-Liste. Sie fiel auch nicht nach einem inspirierenden Seminar oder einem langen Gespräch. Sie fiel auf einem Ast.

Während einer Wanderung am Comer See, die deutlich anstrengender war, als ich erwartet hatte, setzte ich mich für einen Moment, um Luft zu holen. Diesen Ast sehe ich heute noch vor mir. Und plötzlich war da eine Klarheit, die ich zwei Jahre lang vergeblich gesucht hatte.
Ich wusste einfach: Zu meinem fünfzigsten Geburtstag schenke ich mir den Jakobsweg. Ich wusste nicht, wie ich mir sechs Wochen Auszeit leisten sollte. Ich wusste nicht, wie mein Geschäft in dieser Zeit weiterlaufen würde. Eigentlich wusste ich fast nichts – außer, dass ich gehen würde.

Heute weiß ich, dass diese Entscheidung viel größer war als eine Wanderung. Der Jakobsweg hat mir unzählige Erkenntnisse geschenkt und Entwicklungen angestoßen, die mein Leben nachhaltig verändert haben. Dass ich heute in einer wunderbaren Beziehung lebe, hat rückblickend auch etwas mit dieser Entscheidung auf einem Ast am Comer See zu tun.

Seitdem beschäftigt mich eine Frage:
Warum entstehen manche der wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens genau dann, wenn wir aufhören, sie erzwingen zu wollen?

Die besten Ideen mögen keinen Druck

Wir glauben oft, Klarheit sei das Ergebnis intensiven Nachdenkens. Also denken wir noch ein bisschen mehr nach. Wir analysieren, vergleichen Möglichkeiten, lesen Bücher, hören Podcasts und hoffen, dass irgendwann der entscheidende Gedanke auftaucht.


Interessanterweise erzählt die Kreativitätsforschung seit vielen Jahren eine andere Geschichte. Dort spricht man vom sogenannten Inkubationseffekt. Gemeint ist damit die Beobachtung, dass Menschen zunächst intensiv an einer Fragestellung arbeiten und die entscheidende Idee oft erst dann auftaucht, wenn sie sich etwas anderem zuwenden.
Der französische Mathematiker Henri Poincaré beschrieb genau dieses Phänomen. Nachdem er lange erfolglos an einem mathematischen Problem gearbeitet hatte, kam ihm die entscheidende Lösung nicht am Schreibtisch, sondern in dem Moment, als er in einen Omnibus stieg. Sein bewusstes Denken hatte losgelassen – und plötzlich war die Antwort da.
Auch viele Künstler erzählen von ähnlichen Erfahrungen. Ein Bild, eine Melodie oder eine Idee entsteht oft nicht unter größtmöglicher Anstrengung, sondern in einem Moment, in dem etwas innerlich weit wird. Beim Spazierengehen. Unter der Dusche. Während einer Autofahrt. Oder eben auf einem Ast am Comer See. Mich fasziniert daran weniger die Forschung als das Menschenbild, das dahinter sichtbar wird.

Vielleicht suchen wir an der falschen Stelle

Was wäre, wenn Klarheit gar nichts ist, das wir herstellen müssen?
Was wäre, wenn sie bereits in uns angelegt ist und nur dann sichtbar werden kann, wenn wir für einen Moment aufhören, sie unter Druck zu setzen?
Ich glaube nicht, dass Nachdenken falsch ist. Im Gegenteil. Natürlich brauchen wir Wissen, Erfahrungen und manchmal auch Geduld. Aber vielleicht überschätzen wir die Rolle unseres bewussten Denkens und unterschätzen gleichzeitig etwas anderes: unsere eigene Weisheit.

Ich erlebe das immer wieder in meinen Begleitungen. Je verzweifelter Menschen nach der richtigen Antwort suchen, desto weiter scheint sie sich zu entfernen. Und irgendwann geschieht etwas ganz Unspektakuläres. Es fällt ein Satz. Ein Mensch hält inne. Der Blick wird weiter. Und plötzlich ist da eine Klarheit, die sich vorher nicht erarbeiten ließ.

Vielleicht kennst du solche Momente aus deinem eigenen Leben. Momente, in denen du im Nachhinein sagen würdest: Eigentlich habe ich die Antwort gar nicht gefunden – sie hat mich gefunden.

Was wäre, wenn Klarheit bereits da ist?

Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht noch intensiver suchen. Vielleicht dürfen wir vielmehr neugierig werden auf das, was bereits in uns angelegt ist. Ich glaube, dass in jedem Menschen mehr Klarheit, Vertrauen und Weisheit vorhanden sind, als er selbst oft vermutet. Nicht, weil wir immer alles wissen. Sondern weil wir manchmal vergessen haben, unserer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Vielleicht ist Klarheit deshalb weniger das Ergebnis von Anstrengung als von Offenheit. Und vielleicht beginnt genau dort etwas sehr Leichtes.
Nicht mit einer neuen Methode. Nicht mit noch mehr Wissen. Sondern mit einem Moment, in dem wir aufhören, die Antwort festhalten zu wollen.

Denn manchmal findet uns die Klarheit genau dann, wenn wir aufhören, nach ihr zu suchen.

Bleib neugierig.
Christa

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