Neulich fragte mich jemand: „Wann hört das eigentlich auf?“
Ich musste schmunzeln. Nicht, weil die Frage lustig war. Sondern weil ich sofort wusste, was gemeint war. Dieses Gefühl, noch nicht ganz angekommen zu sein. Noch etwas lernen zu müssen. Noch etwas verstehen, aufarbeiten oder verändern zu müssen. Als würde irgendwo da vorne eine bessere Version von uns warten. Eine Version, die gelassener ist, klarer, selbstbewusster oder endlich mit sich im Reinen.
Und wenn wir uns nur genügend anstrengen, dann erreichen wir sie irgendwann. Vielleicht.
Je länger ich Menschen begleite, desto häufiger begegnet mir genau diese Vorstellung. Sie zeigt sich in unterschiedlichen Geschichten und Lebenssituationen, hat aber oft denselben Kern: So wie ich jetzt bin, bin ich noch nicht ganz fertig.
Die unsichtbare Ziellinie
Viele Menschen leben, als gäbe es eine unsichtbare Ziellinie. Dort wartet das Leben, das endlich richtig ist. Dort sind wir angekommen. Dort haben wir unsere Themen gelöst, reagieren nicht mehr so empfindlich, zweifeln nicht mehr an uns und treffen die richtigen Entscheidungen.
Das Interessante daran ist: Die wenigsten Menschen haben diese Ziellinie bewusst festgelegt. Sie war einfach irgendwann da. Wie ein Möbelstück, das schon in der Wohnung stand, als wir eingezogen sind. Wir richten uns danach aus, ohne jemals zu fragen, ob wir es überhaupt ausgesucht haben.
Woher kommen diese Vorstellungen?
Wir wachsen alle in Vorstellungen hinein. In Familien, gesellschaftliche Bilder und unausgesprochene Erwartungen darüber, wie ein gutes Leben aussehen sollte, wie man mit Schwierigkeiten umgeht und wer man sein müsste, um dazuzugehören.
Schon früh lernen wir, uns an bestimmten Maßstäben zu orientieren. Manches soll vermieden werden: Fehler, Unsicherheit, Konflikte oder Ablehnung. Gleichzeitig bewegen wir uns auf etwas zu: Anerkennung, Sicherheit, Erfolg oder das gute Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.
Das ist zunächst nichts Besonderes. Jeder Mensch wächst in solchen Vorstellungen auf. Spannend wird es erst dann, wenn wir beginnen, sie für die Wirklichkeit zu halten und gar nicht mehr bemerken, dass es auch andere Sichtweisen geben könnte.
Vor einiger Zeit hörte ich einen Gedanken von Dieter Lange, der mich nicht mehr losgelassen hat.
Er fragte: „Warum fragen wir Kinder eigentlich immer wieder, was sie einmal werden wollen, wenn sie groß sind?“
Je länger ich darüber nachdachte, desto interessanter wurde die Frage. Denn sie enthält eine Annahme, die wir selten hinterfragen: Dass das Eigentliche noch vor dem Kind liegt. Dass es erst noch jemand werden muss.
Dabei sind Kinder doch bereits jemand. Sie haben eigene Gedanken, Gefühle, Vorlieben, Ängste, Ideen und Träume. Sie erleben die Welt auf ihre ganz eigene Weise und bringen oft eine erstaunliche Klarheit mit.
Warum fragen wir also so selten:
Was begeistert dich?
Wovon träumst du?
Was macht dich neugierig?
Was bewegt dich gerade?
Vielleicht weil wir selbst gelernt haben, den Blick stärker auf das zu richten, was noch erreicht werden soll, als auf das, was bereits da ist.Und vielleicht beginnt genau dort ganz unbemerkt die Vorstellung, dass wir erst noch jemand werden müssen. Dass mit uns zwar nicht grundsätzlich etwas falsch ist, aber doch noch etwas fehlt. Etwas, das wir finden, entwickeln oder erreichen müssen, bevor wir wirklich angekommen sind.
Wenn das Leben zum Optimierungsprojekt wird
Aus dieser Vorstellung entsteht leicht ein Leben, das sich wie ein Dauerprojekt anfühlt. Da gibt es immer noch etwas zu verbessern. Noch ein Buch zu lesen. Noch ein Seminar zu besuchen. Noch eine Erkenntnis zu gewinnen. Noch einen blinden Fleck aufzudecken.
Versteh mich nicht falsch: Ich liebe neue Perspektiven. Sonst würde ich vermutlich nicht tun, was ich tue. Aber ich frage mich manchmal, aus welcher Haltung heraus wir suchen. Suche ich, weil ich neugierig bin? Oder suche ich, weil ich glaube, dass mir etwas Wesentliches fehlt?
Das fühlt sich sehr unterschiedlich an. Neugier öffnet. Mangel treibt an.
Vielleicht liegt das Missverständnis woanders
Was wäre, wenn mit dir nichts falsch ist?
Nicht in dem Sinne, dass du nie zweifelst. Nicht in dem Sinne, dass du immer entspannt bist oder keine blinden Flecken hast. Sondern in dem Sinne, dass du nicht repariert werden musst. Dass dein Wert nicht davon abhängt, wie weit du gekommen bist. Dass Vertrauen, Klarheit, Weisheit oder Verbindung nicht irgendwo außerhalb von dir auf ihre Entdeckung warten. Vielleicht sind sie längst da.
Manchmal überlagert von Sorgen, Bewertungen oder alten Geschichten. Manchmal verdeckt von all dem, was wir über uns selbst zu glauben gelernt haben. Aber nicht verloren.
Vielleicht haben wir nie etwas anderes kennengelernt
Ich glaube, viele Menschen kämpfen nicht deshalb so sehr mit sich selbst, weil sie etwas falsch machen. Sondern weil sie oft keine Vorstellung davon haben, wie es anders gehen könnte.
Wenn wir unser Leben lang gelernt haben, dass Entwicklung bedeutet, besser zu werden, erscheint es logisch, ständig an sich zu arbeiten.
Wenn wir gelernt haben, dass Anerkennung an Leistung gekoppelt ist, erscheint es logisch, sich immer weiter zu verbessern.
Und wenn wir gelernt haben, dass Sicherheit von Kontrolle abhängt, erscheint es logisch, alles im Griff haben zu wollen.
Nicht weil wir dumm wären. Nicht weil wir versagt hätten. Sondern weil wir genau das gelernt haben.
Und vielleicht beginnt etwas Neues mit einer anderen Frage
Vielleicht müssen wir uns deshalb gar nicht fragen: Wie werde ich endlich besser? Vielleicht sind andere Fragen hilfreicher.
Zum Beispiel: Welche Vorstellungen über mich halte ich für wahr?
Oder: Was versuche ich eigentlich die ganze Zeit zu erreichen?
Oder sogar: Wer wäre ich, wenn ich für einen Moment nichts an mir verändern müsste?
Ich finde, darin steckt etwas sehr Entlastendes. Nicht als fertige Antwort, sondern als Einladung. Eine Einladung, neugierig zu werden auf das, was längst da ist.
Vielleicht musst du dein Leben nicht wie ein Projekt behandeln. Vielleicht darf es auch eine Entdeckungsreise sein. Eine Reise, auf der nicht ständig etwas fehlt. Sondern immer wieder etwas sichtbar wird, das die ganze Zeit da war.
