Ich bekomme eine Nachricht.
Eigentlich ist es nur ein kurzer Satz. Nichts Besonderes, wenn ich ihn so lese. Und trotzdem merke ich sofort, dass sich etwas in mir verändert. Mein Bauch wird eng, meine Schultern spannen sich an und ich merke, wie mein Herz ein bisschen schneller schlägt.
Fast gleichzeitig ist da der Gedanke: Das kann doch jetzt nicht sein. Und schon kommt der nächste: Immer muss ich mich um alles kümmern. Innerhalb weniger Sekunden ist aus einer Nachricht eine ganze Geschichte geworden. Ich fühle mich nicht ernst genommen, der andere versteht mich einfach nicht und wenn ich jetzt nichts sage, wird es wahrscheinlich nur noch schlimmer.
Ich kenne diese Bewegung von mir. Und wahrscheinlich kennen sie viele von uns. Wir nehmen etwas wahr und machen daraus sehr schnell eine Erklärung. Oft so schnell, dass wir gar nicht mehr bemerken, dass dazwischen überhaupt etwas passiert. Dabei könnte ich an dieser Stelle auch einfach einen Moment bleiben und wahrnehmen, was gerade tatsächlich da ist: Mein Bauch ist eng. Meine Schultern sind angespannt. Da ist Ärger. Und da ist dieser Gedanke, dass ich mich mal wieder um alles kümmern muss.
Das ist etwas anderes. Nicht unbedingt besser und nicht unbedingt angenehmer, aber genauer.
Wenn alles zu einem „Ich“ wird
Wenn ich sage: „Ich bin gerade völlig aufgebracht“, klingt das zunächst wie eine einzige Sache. Wenn ich aber genauer hinschaue, ist da mein Körper, der auf etwas reagiert, da ist ein Gefühl und da sind Gedanken, die versuchen, all dem eine Bedeutung zu geben.
Normalerweise erleben wir diese Dinge nicht getrennt voneinander. Sie laufen ineinander, beeinflussen sich gegenseitig und innerhalb kürzester Zeit entsteht daraus ein Gesamtbild, das sich sehr wahr anfühlt: So bin ich gerade. So ist die Situation. So ist der andere. Genau das ist der Punkt, an dem es interessant wird, einmal etwas auseinanderzuziehen.
Nicht im Sinne von analysieren, zerlegen oder herausfinden zu müssen, warum ich so bin, wie ich bin. Eher wie wenn ich bei einem verhedderten Faden nicht noch stärker daran ziehe, sondern mir zunächst anschaue, wo eigentlich welcher Faden entlangläuft.
Da ist mein Körper.
Da ist mein Gefühl.
Da ist mein Gedanke.
Und wenn ich diese Dinge für einen Moment unterscheiden kann, muss nicht mehr alles dasselbe bedeuten.
Mein Bauch darf eng sein, ohne dass ich daraus schließen muss, dass etwas Schlimmes passiert.
Ich darf Ärger fühlen, ohne dass der andere deshalb automatisch etwas Falsches getan haben muss.
Und ich darf denken: „Immer muss ich mich um alles kümmern“, ohne dass dieser Gedanke deshalb eine Tatsache ist.
Der Unterschied ist klein und gleichzeitig kann er ziemlich viel verändern.
Wahrnehmen, bevor ich etwas daraus mache
Wahrnehmen ist etwas anderes, als sofort zu wissen, was etwas bedeutet. Wenn ich wahrnehme, muss ich noch nichts entscheiden. Ich muss nichts lösen und auch nicht herausfinden, warum ich gerade so reagiere. Ich muss dabei nicht besonders gelassen oder achtsam sein. Ich kann einfach bemerken, was gerade da ist.
Ich habe im letzten Artikel darüber geschrieben, wie schnell wir in einer Begegnung mitten in unserer Geschichte landen können. [Beziehungen dürfen leichter werden], wenn wir nicht sofort auf jeden inneren Impuls reagieren, sondern zunächst wahrnehmen, was gerade in uns passiert.
Wir wollen verstehen, einordnen und möglichst schnell wissen, was los ist. Und vor allem wollen wir häufig wieder aus einem unangenehmen Zustand heraus. Also denken wir weiter: Was hat der andere damit gemeint? Warum macht mich das so wütend? Was soll ich jetzt antworten? Was hätte ich anders machen können?
Während wir darüber nachdenken, entfernen wir uns manchmal immer weiter von dem, was ursprünglich tatsächlich da war. Da war zunächst nur ein enger Bauch, ein unangenehmes Gefühl und ein Gedanke. Mehr nicht. Alles Weitere ist schon die Geschichte, die daraus entstanden ist.
Das bedeutet nicht, dass unsere Gedanken unwichtig sind oder dass wir Gefühle einfach ignorieren sollten. Im Gegenteil. Ich glaube, dass wir uns selbst sehr viel näherkommen können, wenn wir lernen, sie wahrzunehmen, ohne sie sofort miteinander zu vermischen. Auch darüber habe ich schon einmal geschrieben: [Nicht jede Antwort findet sich im Denken]. Unser Denken kann uns dabei helfen, Zusammenhänge zu erkennen und Orientierung zu finden. Aber nicht jeder Gedanke ist deshalb automatisch die Wahrheit über das, was gerade geschieht.
Das Ehrliche Mitteilen
Genau deshalb empfinde ich das Ehrliche Mitteilen als so klar.
Es geht dort nicht darum, meine Geschichte besonders gut zu erzählen oder dem anderen möglichst verständlich zu erklären, warum ich mich gerade so fühle. Ich muss nicht begründen, weshalb meine Reaktion vollkommen nachvollziehbar ist, und ich muss auch nicht dafür sorgen, dass der andere danach etwas anders macht.
Ich kann zunächst sagen, was ich wahrnehme.
Da ist gerade Druck in meinem Bauch.
Da ist Ärger.
Da ist der Gedanke, dass ich nicht ernst genommen werde.
Und das ist vielleicht schon alles, was ich in diesem Moment wissen muss. Nicht, was das bedeutet. Nicht, wer Recht hat. Nicht, was jetzt passieren muss. Sondern: Was ist gerade da?
Genau hier beginnt für mich eine andere Art, mit mir selbst in Beziehung zu sein. Nicht indem ich sofort verstehen muss, warum ich so reagiere, und auch nicht indem ich versuche, diesen Zustand möglichst schnell wieder loszuwerden. Sondern indem ich wahrnehme, was gerade da ist. Denn wie bin ich eigentlich mit mir, wenn ich etwas Unangenehmes erlebe? Mache ich mich sofort dafür verantwortlich, versuche ich, mich möglichst schnell wieder in Ordnung zu bringen, oder glaube ich jeden Gedanken, der gerade durch meinen Kopf läuft? Oder kann ich für einen Moment einfach da sein und wahrnehmen?
Eine andere Art, mir selbst zu begegnen
Als ich die Nachricht an diesem Tag später noch einmal lese, ist sie übrigens immer noch dieselbe. Der Satz hat sich nicht verändert. Aber etwas in mir hat sich verändert. Ich sehe meinen Gedanken jetzt als Gedanken, ich spüre meinen Körper und ich merke meinen Ärger. Ich muss noch nicht wissen, was ich damit mache, und ich muss auch nicht sofort entscheiden, ob und wie ich auf die Nachricht reagieren möchte. Das fühlt sich nicht spektakulär an. Aber es fühlt sich freier an.
Das Auseinanderziehen ist deshalb gar kein Auseinandernehmen.
Im Gegenteil. Es bringt mich näher an das, was gerade tatsächlich da ist, bevor mein Kopf daraus eine Geschichte macht.
Da ist mein Körper. Da ist mein Gefühl. Da ist mein Gedanke. Und ich muss daraus nicht sofort mehr machen. Für diesen Moment reicht es, wahrzunehmen.
Bleib neugierig.
Christa
