Ich habe mich lange damit beschäftigt, wie wir unser Leben leichter machen können – und damit werde ich auch nicht aufhören. Und wie so oft brauche ich dafür gar nicht weit zu schauen, denn in mir selbst finde ich immer wieder Stolpersteine darin, wie ich mit mir umgehe.
Da ist zum Beispiel diese innere Stimme, die ziemlich genau weiß, was ich hätte besser machen können, was mir noch fehlt und wo ich mich vielleicht doch noch ein bisschen mehr anstrengen sollte. Und das Erstaunliche daran ist, wie selbstverständlich ich solchen Gedanken Glauben schenken kann. Wenn diese Stimme etwas zu beanstanden hat, höre ich hin. Schließlich kenne ich mich ja selbst am besten, oder?
Inzwischen interessiert mich eine andere Frage: Woher weiß ich eigentlich, dass diese Stimme recht hat?
Denn wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich darin nicht nur aktuelle Einschätzungen. Da sind auch alte Bewertungen, vertraute Vorstellungen davon, wie ich sein sollte, und Überzeugungen, die ich irgendwann einmal über mich selbst entwickelt habe. Sie sind so vertraut geworden, dass ich sie kaum noch hinterfrage.
Und genau deshalb möchte ich den inneren Kritiker nicht einfach loswerden. Mich interessiert vielmehr, was geschieht, wenn ich anfange, ihm nicht mehr alles zu glauben.
Wie wir lernen, uns selbst kritisch zu betrachten
Wenn ich auf die Entstehung solcher inneren Stimmen schaue, wird mir klar, dass sie nicht einfach grundlos da sind. Wer als Kind häufig kritisiert, beschämt oder abgewertet wird, lernt unter Umständen, sich selbst mit den Augen der anderen zu betrachten. Das Kind möchte dazugehören, geliebt werden und möglichst wenig falsch machen. Es beobachtet genau, was erwünscht ist, was Ärger auslöst und womit es anecken könnte.
Aus diesem Bemühen kann eine ziemlich zuverlässige innere Kontrollinstanz werden. Sie prüft, ob wir uns richtig verhalten, ob wir genügen und ob wir es den anderen recht gemacht haben. Und weil sie früh angefangen hat, kennt sie unsere Schwachstellen bestens. Sie weiß, welche Knöpfe sie drücken muss, damit wir sofort aufmerksam werden.
Ich finde es wichtig, diese Entwicklung nicht einfach als schlechten Umgang mit sich selbst abzutun. Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass Kritik wehtut oder Zuwendung unsicher ist, kann es durchaus sinnvoll erscheinen, sich selbst besonders gut im Blick zu behalten. Wer sich rechtzeitig korrigiert, hofft vielleicht, unangenehme Reaktionen vermeiden zu können.
Nur läuft dieses Programm häufig weiter, wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist. Wir sind erwachsen, können selbst entscheiden, mit wem wir zusammen sein möchten, und dürfen Fehler machen, ohne dass gleich unsere ganze Welt zusammenbricht. Trotzdem meldet sich die vertraute Stimme, als müssten wir noch immer dafür sorgen, bloß keinen Anlass für Kritik zu liefern.
Was einmal eine verständliche Reaktion auf schwierige Umstände war, muss heute nicht mehr die passende Antwort sein.
Wenn aus einem Gedanken ein Urteil über mich wird
Was mich an der inneren Kritik besonders interessiert, ist nicht einmal, dass wir solche Gedanken haben. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir ihnen glauben.
Da geht etwas schief, und schon lautet das Urteil: Ich kriege das nicht hin. Jemand reagiert ungehalten, und wir fragen uns, was wir wieder falsch gemacht haben. Eine Entscheidung erweist sich als ungünstig, und plötzlich steht nicht mehr nur die Entscheidung zur Diskussion, sondern gleich unsere Fähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Unser innerer Kritiker arbeitet ausgesprochen gründlich. Aus einem Fehler macht er eine Eigenschaft, aus einer schwierigen Begegnung eine Beziehungsauskunft und aus einem unglücklichen Nachmittag beinahe eine Lebensbilanz.
Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Was ist tatsächlich passiert? Und was denke ich darüber?
Dieser Unterschied ist für mich eng mit den Drei Prinzipien verbunden, mit denen ich mich seit Jahren beschäftige. Gedanken gehören zu unserem Erleben und können eine enorme Überzeugungskraft entwickeln. Nur macht diese Überzeugungskraft einen Gedanken noch nicht zur Wirklichkeit.
Wenn ich denke, dass ich etwas nicht gut genug gemacht habe, kann es durchaus sein, dass ich etwas übersehen oder einen Fehler gemacht habe. Dann kann ich das anschauen und daraus lernen. Aber daraus folgt nicht, dass ich grundsätzlich unfähig bin oder mich mehr anstrengen muss, um als Mensch in Ordnung zu sein. Ich kann mein Verhalten kritisch betrachten, ohne mich selbst zum Problem zu erklären. Für mich liegt genau darin der Unterschied zwischen gesunder Reflexion und Selbstabwertung.
Muss ich meinen inneren Kritiker jetzt auch noch loswerden?
Das wäre eigentlich die nächste logische Aufgabe: Nachdem wir festgestellt haben, dass wir zu kritisch mit uns umgehen, müssen wir nun lernen, freundlicher mit uns zu sprechen. Am besten täglich, mit einer guten Portion Selbstmitgefühl und einem passenden Übungsprogramm.
Unser innerer Projektmanager dürfte sich freuen. Endlich wieder ein Vorhaben, bei dem wir uns verbessern können!
Ich meine das durchaus mit einem Augenzwinkern, denn genau diese Dynamik begegnet mir immer wieder: Wir entdecken etwas an uns, das uns nicht gefällt, und schon soll es weg. Wir nehmen uns vor, anders zu denken, anders zu fühlen und anders zu reagieren. Und wenn das nicht auf Anhieb gelingt, haben wir den nächsten Grund, mit uns unzufrieden zu sein.
Deshalb möchte ich den inneren Kritiker gar nicht ausmerzen. Ich muss seine Stimme auch nicht durch besonders freundliche Sätze übertönen. Mich interessiert vielmehr, was geschieht, wenn ich bemerke, dass sie gerade da ist, und nicht automatisch alles für wahr halte, was sie mir erzählt. Dann kann ich neugierig werden. Was wird hier gerade behauptet? Kenne ich diese Geschichte schon? Und passt sie überhaupt zu dem, was heute tatsächlich geschieht?
Ich muss die Stimme nicht zum Schweigen bringen, um anders mit ihr umzugehen. Sie darf sich melden. Nur bekommt sie nicht mehr automatisch das letzte Wort.
Meine Geschichte muss nicht weiter über mich bestimmen
Für mich liegt darin ein wesentlicher Unterschied: Ich kann verstehen, warum ich gelernt habe, streng mit mir zu sein, ohne diese Strenge weiterhin für notwendig zu halten. Ich kann anerkennen, dass frühere Erfahrungen Spuren hinterlassen haben, ohne mein heutiges Leben ausschließlich durch diese Erfahrungen zu betrachten.
Das bedeutet nicht, dass alles Vergangene bedeutungslos wird oder dass wir uns nur anders entscheiden müssten. Gerade tief eingeprägte Reaktionen können sehr überzeugend sein. Aber ich muss nicht warten, bis jede alte Erfahrung aufgearbeitet und jede innere Stimme beruhigt ist, bevor ich mir selbst anders begegnen darf. Gesunde Reflexion braucht keine Abwertung. Ich kann feststellen, dass mir etwas nicht gelungen ist, Verantwortung übernehmen, mich entschuldigen oder beim nächsten Mal etwas verändern. Dafür muss ich mich nicht erst selbst kleinmachen. Und ich darf auch bemerken, wenn mein innerer Kritiker gerade eine alte Geschichte erzählt, die mit der gegenwärtigen Situation nur noch wenig zu tun hat. Dann wird aus der vermeintlichen Wahrheit wieder das, was sie ist: ein Gedanke, den ich ernst nehmen kann, ohne ihm blind zu folgen.
Das finde ich befreiend. Nicht, weil die kritische Stimme damit für immer verschwindet, sondern weil ich nicht mehr jeden ihrer Einwände zu einer Grundsatzfrage über mich selbst machen muss. Ich darf aus meiner Geschichte lernen, ohne sie jeden Tag aufs Neue über mich entscheiden zu lassen.
Es ist für mich ein wichtiger Teil von Einfach leicht: nicht noch geschickter an mir herumzuarbeiten, sondern zu erkennen, wo ich mir selbst mit Überzeugungen das Leben schwer mache, die ich längst nicht mehr für wahr halten muss.
Mit mir ist nicht grundsätzlich etwas falsch, nur weil ich gelernt habe, streng mit mir zu sein. Und ich muss mich nicht noch besser korrigieren, um endlich in Ordnung zu sein. Es wird es leichter, wenn wir nicht länger versuchen, uns selbst zu reparieren, sondern anfangen zu erkennen, was wir über uns glauben – und dass wir nicht alles davon für wahr halten müssen.
Bleib neugierig.
