Mein Hund bleibt stehen.
Vor uns ist eigentlich nichts Besonderes zu sehen. Ein Mensch kommt uns entgegen, weiter hinten fährt ein Fahrrad vorbei und irgendwo raschelt es im Gebüsch. Mein Hund wird langsamer, bleibt stehen und schaut nach vorne.
Und in meinem Kopf geht es sofort los.
Da hat sie Angst.
Das wird ihr zu viel.
Ich muss jetzt aufpassen.
Ich nehme die Leine etwas kürzer und beobachte meinen Hund noch genauer. Vielleicht wird auch sie dadurch aufmerksamer. Und schon sind wir mitten in einer Situation, in der gar nicht mehr so leicht zu unterscheiden ist, was eigentlich gerade bei meinem Hund passiert und was in mir passiert.
Was sehe ich wirklich?
Wenn ich einen Moment zurückgehe, ist die Situation zunächst erstaunlich überschaubar. Mein Hund ist stehen geblieben. Ihr Körper ist angespannt. Sie schaut nach vorne. Das kann ich sehen.
„Sie hat Angst“ ist dagegen bereits meine Interpretation. Vielleicht stimmt sie. Vielleicht auch nicht. Das macht einen Unterschied.
Denn wir Menschen sind ziemlich schnell darin, aus einer Beobachtung eine Bedeutung zu machen. Wir sehen einen Hund, der sich zurückzieht, und denken: Er will keinen Kontakt. Wir sehen einen Hund, der bellt, und denken: Er ist unsicher oder aggressiv. Wir sehen einen Hund, der stehen bleibt, und denken: Er hat Angst.
Natürlich brauchen wir Einschätzungen. Wir müssen unseren Hund nicht völlig wertfrei betrachten und darauf verzichten, aus seinem Verhalten Rückschlüsse zu ziehen. Aber ich finde es hilfreich, wahrzunehmen, wann ich von dem, was ich tatsächlich sehe, zu dem übergehe, was ich darüber denke.
Genau dort beginnt das Auseinanderziehen.
Mein Hund und meine Geschichte
Denn während mein Hund dort steht, passiert auch in mir etwas. Ich werde aufmerksam. Vielleicht werde ich unsicher. Mein Körper spannt sich an, ich halte die Leine fester und erinnere mich möglicherweise daran, wie eine ähnliche Situation beim letzten Mal gelaufen ist.
Mein Hund nimmt meine Veränderung wahr und ich nehme ihre wahr. Wir reagieren aufeinander. Und plötzlich ist da nicht mehr nur der Hund, der irgendwo stehen bleibt. Da ist unsere gemeinsame Geschichte, meine Erwartung an das, was jetzt passieren könnte, und vielleicht auch meine Sorge, etwas falsch zu machen.
Gerade deshalb finde ich es so wichtig, die beiden Dinge auseinanderzuhalten: Was passiert gerade bei meinem Hund? Und was passiert gerade bei mir?
Mein Hund kann tatsächlich angespannt sein. Und ich kann gleichzeitig angespannt sein. Beides darf wahr sein.
Aber meine Anspannung ist nicht automatisch die meines Hundes und seine Anspannung ist nicht automatisch meine. Wenn ich das bemerke, verändert sich mein Blick. Ich muss nicht mehr jede Reaktion meines Hundes sofort erklären. Ich kann genauer hinschauen.
Den Hund wahrnehmen, ohne ihn sofort zu erklären
Das bedeutet für mich nicht, weniger aufmerksam zu sein. Eher im Gegenteil. Wenn ich nicht sofort wissen muss, was mein Hund fühlt oder warum sie etwas tut, kann ich sie genauer beobachten.
Wie verändert sich ihr Körper? Wohin geht ihr Blick? Was passiert, wenn der Mensch näher kommt? Was verändert sich, wenn mehr Abstand entsteht?
Und was passiert währenddessen in mir?
Diese Fragen machen meinen Hund nicht zu einem Rätsel, das ich lösen muss. Sie halten mich vielmehr in der Wahrnehmung. Denn mein Hund ist ein eigenes Wesen. Sie bringt ihr eigenes Erleben mit. Ich kann es beobachten, mich dafür interessieren und Erfahrungen sammeln – aber ich kann nicht aus jedem Verhalten mit Sicherheit ablesen, was in ihr vorgeht.
Und genauso wenig muss ich jedes Verhalten meines Hundes auf mich beziehen.
Vielleicht bleibt sie stehen, weil ihr etwas aufgefallen ist. Vielleicht ist sie angespannt oder unsicher oder braucht Abstand.
Ich darf all das in Betracht ziehen, ohne sofort eine endgültige Geschichte daraus zu machen.
Das erinnert mich an etwas, das ich auch in anderen Beziehungen immer wieder erlebe: Je schneller ich glaube zu wissen, was im anderen vorgeht, desto weniger sehe ich manchmal tatsächlich, was gerade da ist. Beim Hund fällt uns das vielleicht besonders auf, weil wir uns so sehr wünschen, ihn richtig zu verstehen. Aber vielleicht braucht gute Beziehung nicht immer noch mehr Deutung.
Manchmal braucht sie einen genaueren Blick. Und die Bereitschaft, das, was ich wahrnehme, von dem zu unterscheiden, was ich daraus mache. So kann ich meinen Hund ernst nehmen, ohne jeden Gedanken über sie für eine Tatsache zu halten. Und ich kann mich selbst wahrnehmen, ohne mein eigenes Erleben auf sie zu übertragen.
Beziehung wird genau dort leichter: wenn ich nicht sofort wissen muss, was los ist,
sondern neugierig bleiben kann auf das, was gerade zwischen uns geschieht.
Bleib neugierig.
Christa
