Ich glaube, wir Menschen haben eine ziemlich erstaunliche Fähigkeit, uns vorzustellen, wie unser Leben einmal aussehen wird. Meist machen wir daraus gar keinen großen Lebensplan. Es sind eher kleine Bilder, die sich mit der Zeit zusammensetzen: So wird es beruflich weitergehen. So wird sich die Beziehung entwickeln. Irgendwann wird dieses Thema geklärt sein. Dann wird es ruhiger. Dann habe ich mehr Zeit. Dann weiß ich, was ich möchte.
Vieles davon läuft ganz selbstverständlich in unserem Kopf mit, ohne dass wir es überhaupt bemerken. Wir leben eine Weile vor uns hin und merken erst dann, dass wir uns innerlich längst auf eine bestimmte Zukunft eingestellt haben.
Und dann kommt das Leben. Und macht etwas anderes.
Ich finde das immer wieder interessant. Nicht unbedingt angenehm, aber interessant. Denn wenn etwas anders kommt als erwartet, beschäftigt uns häufig nicht nur das, was tatsächlich passiert ist. Wir beschäftigen uns gleichzeitig mit dem Bild davon, wie es eigentlich hätte sein sollen.
Dann wird aus einem einfachen „Das habe ich mir anders vorgestellt“ schnell ein „Was habe ich falsch gemacht?“.
Wenn unsere Vorstellung und die Wirklichkeit auseinandergehen
Ich kenne diese Bewegung aus meinem eigenen Leben. Es gibt Dinge, bei denen ich ziemlich genau wusste, wie ich mir den nächsten Abschnitt vorgestellt hatte. Und dann kam es anders. Nicht unbedingt schlechter. Einfach anders.
Und ich merke, wie schnell der Kopf darauf reagiert. Er möchte verstehen. Er möchte einen Zusammenhang herstellen. Er möchte wissen, was jetzt zu tun ist und möglichst auch gleich, wohin das alles führt. Das ist vermutlich eine seiner liebsten Aufgaben: Aus dem, was gerade passiert, eine Geschichte zu bauen, in der möglichst schnell wieder alles einen Sinn ergibt. Ich kann das gut nachvollziehen, denn ein Plan vermittelt Sicherheit. Wenn ich weiß, wie es weitergehen soll, muss ich mich weniger mit dem Unbekannten beschäftigen.
Nur hat das Leben leider nie unterschrieben, dass es sich an unsere Pläne hält.
Was passiert, wenn wir das Alte festhalten?
Ich frage mich deshalb inzwischen häufiger, was eigentlich passiert, wenn etwas nicht mehr so ist wie früher.
Wir kennen diesen Gedanken alle: Früher war es leichter. Früher war ich anders. Früher wusste ich, wo ich hinwill. Früher war die Beziehung unkomplizierter. Früher hatte ich mehr Energie.
Und natürlich gibt es Dinge, die wir vermissen dürfen. Es wäre seltsam, wenn wir das nicht täten. Aber irgendwann wird aus dem Erinnern ein Vergleichen. Und aus dem Vergleichen entsteht der Wunsch, wieder dorthin zurückzukommen. Dabei ist das Leben nicht rückwärts unterwegs. Ein Jahr kommt nicht zurück. Eine Lebensphase lässt sich nicht noch einmal genauso leben. Menschen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Wir selbst verändern uns.
Und vielleicht ist das gar nicht die Katastrophe, als die wir es manchmal empfinden. Ich sage das nicht, weil ich glaube, dass jede Veränderung gut ist oder dass man sich mit allem einfach abfinden sollte. Das wäre mir zu einfach. Es gibt Veränderungen, die wehtun, und Situationen, in denen wir handeln müssen.
Aber zwischen „Ich muss etwas verändern“ und „Ich muss wieder zurück zu dem, was einmal war“ liegt ein großer Unterschied.
Was ist eigentlich jetzt da?
Diese Frage gefällt mir inzwischen immer besser.
Nicht: Wie sollte es sein? Nicht: Wie bekomme ich es wieder hin? Nicht einmal unbedingt: Was kommt als Nächstes?
Sondern zunächst:
Was ist jetzt eigentlich da?
Denn wenn ich aufhöre, die Gegenwart ständig mit meiner Vorstellung abzugleichen, wird mein Blick freier. Dann kann ich vielleicht wahrnehmen, was sich tatsächlich verändert hat, was geblieben ist und was ich bisher noch gar nicht gesehen habe. Das ist keine besondere Technik. Es ist eher eine Art, dem Leben wieder zuzuhören.
Und ich merke, dass mir genau das zunehmend wichtig wird: nicht vorschnell aus jeder Veränderung eine Erkenntnis machen zu müssen.
Manche Dinge brauchen Zeit, bevor wir verstehen, was sie mit uns machen. Manche Fragen beantworten sich nicht, weil wir lange genug darüber nachdenken. Und manches wird erst sichtbar, wenn wir aufgehört haben, unbedingt wissen zu wollen, was daraus werden soll.
Nicht alles muss wieder werden, wie es war
Vielleicht ist das eine der schwierigsten Lektionen im Leben: anzuerkennen, dass etwas vorbei oder anders geworden ist, ohne sofort entscheiden zu müssen, was daraus nun werden soll.
Ich glaube, wir unterschätzen diese Zwischenräume.
Wir möchten gerne wissen, wo wir stehen. Wir möchten einen neuen Plan haben, wenn der alte nicht mehr funktioniert. Wir möchten wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Und manchmal gibt es diesen festen Boden einfach noch nicht.
Dann bleibt zunächst nur das, was tatsächlich da ist.
Der heutige Tag. Die Menschen, die gerade da sind. Das, was uns Freude macht. Das, was uns beschäftigt. Die Frage, die noch offen ist.
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass wir mit dieser Offenheit erstaunlich gut leben können, wenn wir nicht ständig versuchen, sie sofort zu beseitigen.
Dem Leben nicht immer voraus sein müssen
Ich glaube, darin liegt für mich inzwischen eine Form von Vertrauen, die ich früher nicht so gut verstanden habe.
Vertrauen bedeutet nicht, dass ich weiß, dass alles gut ausgehen wird. Es bedeutet auch nicht, dass ich jede Veränderung begrüßen muss. Und schon gar nicht bedeutet es, dass ich keine Angst oder Zweifel haben darf.
Vielleicht bedeutet Vertrauen manchmal einfach, dem Leben nicht ständig voraus sein zu müssen. Nicht heute schon wissen zu müssen, wie der Herbst aussieht. Nicht aus jedem offenen Ende sofort einen neuen Anfang machen zu müssen. Nicht jede Veränderung erklären zu müssen, bevor wir sie überhaupt erlebt haben.
Ich finde das nicht immer leicht. Aber ich entdecke darin etwas Beruhigendes. Denn wenn ich nicht mehr unbedingt zurück muss zu dem, was einmal war, und auch noch nicht wissen muss, was kommt, bleibt plötzlich dieser eine Moment übrig.
Jetzt.
Und vielleicht ist das tatsächlich der einzige Ort, an dem wir überhaupt etwas wahrnehmen können.
Was hier gerade ist. Was sich zeigt. Was bleibt. Und was sich vielleicht ganz von selbst entwickelt, wenn wir ihm nicht ständig vorauslaufen.
Ich weiß nicht, ob das eine Antwort ist. Aber ich glaube, es ist eine Frage, mit der ich weitergehen möchte.
Bleib neugierig.
Christa
